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Die Dogmatik des Extremismus – „Söhne des IS“

Jahrelang bereise ich nun bereits die Regionen des Nahen Ostens. Und seit Jahren weise ich immer wieder in Vorträgen und Artikeln auf eine Entwicklung hin, die für Europa dramatische Folgen haben wird.

Leider liegt es scheinbar auch in der menschlichen Natur, dass der Überbringer schlechter Nachrichten eher belächelt, zeitweise sogar in eine Ecke gedrängt wird, ohne dessen Aussagen ernst zu nehmen.

Nun, wenigstens kann man nicht behaupten, wir hätten von nichts gewusst. Die Flüchtlingskrise mit all ihren Verwerfungen und Herausforderungen war absehbar. Die objektive Betrachtung der demographischen Entwicklung der Gesellschaft im Nahen Osten reicht dazu völlig aus.
Die Entstehung extremistischer Gruppierungen war absehbar. Als Folge eben jener demographischen Entwicklung sowie der geringen Expansion der Wirtschaft und Infrastruktur in den betroffenen Ländern. Israel, die einzige Demokratie im Nahen Osten, ist hier als Ausnahme zu betrachten. Perspektivlosigkeit und andauernde Konflikte, auch bedingt durch die völkerrechtswidrige Invasion 2003 im Irak, führten zu Frustration und letztendlich zu einer Spirale aus Radikalisierung und sich exzessiv ausbreitender Gewalt. Ein fruchtbares Fundament für extremistische Gruppierung wie den „IS“, der aus der Al-Qaida Irak entstanden ist.

Gruppierungen wie der IS wiederum machten sich die technologischen Entwicklungen zu Nutze, befeuert durch die Datenströme dieser Welt. Sie globalisierten den Dschihad, hollywoodreif inszeniert, besonders in den sozialen Medien. Darauf abzielend, durch den sogenannten „Cyber Dschihad“, die Konflikte des „Haus des Krieges“ in die Kinderzimmer und damit in die Köpfe unserer Jugend zu tragen. Übrigens war es kein geringerer als der Vize der Al-Qaida, der bereits 2004 ankündigte, dass wir uns in einem kriegerischen Transformationsprozess befinden. Seine Prophezeiung, augenscheinlich die Tatsache, dass der „Dschihad“ sich von der Straße in die Medien verlagert, hat sich durch den „Hollywood – Dschihad“, wie ihn der „IS“ zelebriert, mehr als bewahrheitet.
Doch was kommt danach?

Welche Organisation wird sich nach dem „IS“, der seinen Zenit erreicht hat, etablieren?
Mit wem werden wir es künftig zu tun haben?

Es wäre ein massiver Trugschluss zu glauben, dass alles mit dem „IS“ endet, solange wir immer nur die Symptome bekämpfen, aber nicht die Wurzel allen Übels anpacken.

Solange werden wir nicht nur mit weiteren Anschlägen, besonders im Nahen Osten und in Europa, rechnen müssen. Wir sollten uns auf noch Schlimmeres gefasst machen. So wie Al-Qaida als Folge des Krieges in Afghanistan in Erscheinung getreten ist; der Islamische Staat es sich zum Ziel gesetzt hat, mit noch mehr Brutalität, öffentlich zur Schau gestellter Gewalt und blutigen Exzessen, Al-Qaida zu übertreffen. Genauso werden die Nachfolger des Islamischen Staates, eine indoktrinierte Generation Kinder und Jugendlicher, darin bestrebt sein, ihre Meister an Brutalität und vor Blut triefender Gewalt zu übertreffen.

Hinweise dazu gibt es zu Genüge. Bei meiner letzten Reise in den Irak, November 2016, hatte ich Gelegenheit, im Detail zu recherchieren. Es sind Fakten und Tatschen, die vielleicht nur demjenigen Erkenntnisse verschafft, der sich auch in die Kultur und in die gegebenen Verhältnisse dieser Region hineinversetzen kann. Sei es nun als Mitglied eines Klans, sich der patriarchalischen Struktur und dessen Regeln bewusst. Oder als Angehöriger einer Minderheit, die bereits seit Jahrhunderten um das eigene Überleben kämpft. In dieser Aufzählung mag ein akademischer Grad samt Doktortitel eventuell für die äußere Erscheinung hilfreich sein. Doch leider hat mir die bittere Erfahrung gezeigt, dass Theoretiker, weit entfernt von ihrem sicheren Refugium aus, kaum die Fähigkeit entwickelt haben sich in die Welt derer zu versetzen, die zwischen den Mühlen der Gewalt ihr Leben lassen.

Fast schon frustriert blickt man dann in die Zeit zurück und betrachtet die Jahre der kulturellen, politischen und medialen Veranstaltungen. Die Masse an Publikationen und Artikeln. Die anstrengenden Gespräche und zeitintensiven Dialoge, die dann doch zu nichts geführt haben und vielfach Zeitverschwendung waren. Wie soll man auch jemandem wiedersprechen, der mit einem hohen akademischen Grad versehen ist, der noch nie im Nahen Ostens war, aber einem die eigene Authentizität abspricht?
Vielleicht reicht es aus, dass wir uns, ausgehend von der Perspektive derer die auf ihrem hohen Ross sitzen und lehrerhaft auf die „armen“ Deutschen mit Migrationshintergrund blicken, einfach in die „Opferrolle“ begeben.

Nur, wem wäre damit geholfen?

Mit Sicherheit keinem einzigen Flüchtling.

Keinem einzigen „Bio – Deutschen“.

Und erst recht keinem einzigen Deutschen mit „sogenanntem“ Migrationshintergrund.

So traurig es auch klingen mag: vielleicht bedurfte es erst eines tödlichen Anschlages auf deutschem Boden, bevor die Eliten des Landes endlich aufwachen und die Stimmen derer vernehmen, die bereits seit Jahren, aus der eigenen Erfahrung heraus, vor den nun eintreffenden Entwicklungen zu warnen versuchen.

Vieleicht sind die Eliten des Landes nun auch bereit die Stimmen derer ernst zu nehmen, die uns, gar nicht einmal so weit entfernt, wie in diesem kurzen Videobericht, um des Friedens willen im eigenen Lande, warnen.

Sollten sie dies nicht sein, so werden sie zumindest nicht behaupten können, sie hätten nichts gewusst.

Simon Jacob, München, 13. Januar 2017