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Radikalisierung, Türkei und Geopolitik – Fragen und Antworten

Fragen zu meinem Vortrag am 16. März 2017 an der Volkshochschule in Abensberg.

1) Herr Jacob, was hat Sie zu Ihrer großen Reise bewegt?

Die Tatsache, dass extremistische Gruppierungen wie der IS, auch finanziell unterstützt durch Privatgelder aus dem arabischen Raum und unter Nutzung der sozialen Medien, es darauf abgesehen haben, die Gesellschaft in ein Schwarz – Weiß Muster zu unterteilen. Mit verheerenden Folgen für die Gesellschaft und einer immensen Gefahr für die Demokratie.
Es war dem Team ein Anliegen zu zeigen, dass die Menschen sowohl hier als auch im Nahen Osten mehr verbindet als trennt.
Und gerade die Suche nach Sicherheit und Frieden sind universelle Wünsche, die unser gemeinsames Ziel sein sollten.

2) Was hat auf Sie während der Reise den größten Eindruck hinterlassen (sowohl positiv als auch negativ)? Gab es etwas, das Sie sprachlos gemacht hat?

Besonders beeindruckt hat mich die Tatsache, dass Muslime, Sunniten als auch Schiiten, Geistliche, Soldaten als auch einfache Menschen, die Gewalt in der eigenen Religion hinterfragten und den Mut fanden, dies, trotz aller real existierender Gefahren, auch anzusprechen bzw. zu kritisieren. Hier findet gerade eine Auseinandersetzung statt, die auch Europa gut tun würde.

Dunkel und erschütternd waren die Besuch im Irak und in Syrien dann, wenn es Massengräber zu dokumentieren gab. Wenn zerbombte Landschaften, übersäht mit Leichen und dem Geruch von verbranntem Fleisch, meine Wege kreuzten. Und besonders tief traf es mich, wenn ich mit den Überlebenden des Krieges, den Schwächsten und Unschuldigsten, nämlich Frauen und Kindern, zusammentraf. Der Verlust des eigenen Kindes ist für eine Mutter besonders bitter. Wie schlimm muss es dann sein, wenn Eltern alle Kinder verlieren? Und dies auf so eine grausame Art und Weise, dass man es gar nicht schildern möchte.

3) Was sind, Ihrer Meinung nach die Ursachen für Radikalisierung (sowohl in den Ländern, die Sie besucht haben als auch bei uns in Deutschland)

Die Ursachen im Nahen Osten sind andere als die in Deutschland

a) Naher Osten

Demographische Entwicklungen haben in den nahöstlichen Staaten bis zu einer Verdreifachung der Bevölkerung geführt. Daraus resultierend sucht eine hauptsächlich junge Gesellschaft nach Perspektiven, um eine Zukunft zu haben. Dies in einem Umfeld, in dem weder die Infrastruktur noch die Wirtschaft im notwendigen Verhältnis mitgewachsen ist, um allen den jungen Menschen auch Jobs anbieten zu können. Und wenn es dann doch mal Arbeitsplätze und Verdienstmöglichkeiten gibt, muss man entweder a) dem richtigen Clan angehören oder b) bereit sein den Verantwortlichen, der über die Stelle entscheidet, zu bestechen.
Hinzu kommen sowohl ethnische als auch konfessionelle Auseinandersetzungen, besonders im Zusammenhang mit patriarchalischen Clanstrukturen, die ein Weiterkommen erschweren. Wenn man innerhalb eines solchen toxischen Gemisches nicht die finanziellen Ressourcen hat um die Gesellschaft zu alimentieren, so wie es z.B. Saudi Arabien dank der sprudelnden Ölquellen macht, entsteht der ideale Nährboden für Extremismus.

Ein weiterer Faktor, der eine verkannte Rolle spielt und nicht unerheblich ist, spiegelt sich in der Tatsache wider, dass in nahöstlichen Gesellschaften junge Männer erst dann heiraten und eine Familie gründen können, wenn sie eine entsprechende wirtschaftliche Basis vorweisen können. Ist dies nicht der Fall, führt das zu sexueller Frustration, die in einem Umfeld mit sexuellen Tabus den Aggressionsgrad immens nach oben schraubt.

b) In Deutschland/Westen

In Deutschland als auch in anderen westlichen Ländern sind es andere Faktoren die eine Rolle spielen. Zunächst einmal sind Extremisten, die in den Nahen Osten reisen um am heiligen Krieg teilzunehmen, in drei Kategorien zu unterteilen.

1. Der einfache Soldat aus dem nordafrikanischen – arabischen Raum, der sich der Gruppierung anschließt, die ihm das höchste Grundgehalt plus die beste Waffe anbieten kann.
Die Grenzen zwischen den Teils verfeindeten islamistischen Gruppierungen sind fließend. Wenn ich heute beim IS bin, kann ich auch morgen zur Al – Nusra, wenn die mir ein paar Dollar mehr und eine bessere Waffe bietet.

2. Die zweite Kategorie ausländischer Kämpfer bilden Söldner mit Erfahrung. Wie z.B. Scharfschützen mit jahrelanger Kriegserfahrung aus Tschetschenien, die dann auch mal das zehnfach des einfachen Bodenkämpfers erhalten.

3. Die interessanteste und scheinbar unberechenbarste Gruppe bilden die Kriegsteilnehmer aus dem Westen, so auch aus Deutschland. Nicht der materielle Hintergrund ist ausschlaggebend. Auch nicht unbedingt die Perspektivlosigkeit aufgrund der niedrigen Bildung, wie viele denken. Viele Dschihadisten sind gut ausgebildet. Es ist eher eine Mischung aus der Enttäuschung gegenüber einer konsumorientierten Gesellschaft, in der sie keinen Sinn finden und sich auch nicht zugehörig fühlen, und geringem Selbstbewusstsein kombiniert mit dem Gefühl, nicht anerkannt zu werden. Des Glaubens, aber auch der Herkunft wegen. In so einem Zustand braucht es nur einer raffinierten und einfach gestrickten Ideologie. Der Salafismus, eine ultraorthodoxe Strömung des sunnitischen Islams, welcher seinen Ursprung auf der arabischen Halbinsel hat und noch bis vor 100 Jahren den Status einer Sekte hatte, offeriert einfache Antworten. Auf der Suche nach Halt im Leben, nach Antworten und Werten, die die überkonsumierten Individuen beim nächsten Kauf eines High – Tech Artikels nicht mehr finden können, werden einfache, aber strikte und augenscheinlich werteorientierte Muster gerne angenommen.

Das Gefühl jemand zu sein, Teil einer Bewegung zu sein, für etwas Glorreiches einzustehen, vermittelt eine immense Zufriedenheit. Bei Konvertiten ist dieses Verhaltensmuster noch ausgeprägter. Die Krönung einer solchen Entwicklung kann darin münden, in den heiligen Krieg zu ziehen, um für die Sache zu sterben.

Alle Extremisten verbindet die Tatsache, herausgeleitet aus den verschiedenen Instrumenten der Heilslehre des wahabitisch – salafistisch geprägten Islams, dass alle anderen entweder Menschen zweiter Klasse sind – sprich „Ungläubige – Kuffars“, oder sogar noch weniger wert sind. Was zur Folge hat, dass schlimmste Gräueltaten dadurch religiös legitimiert werden und dadurch das Gewissen ausgeschaltet wird. Ein Vergleich mit der Rassenlehre der Nationalsozialisten ist hier durchaus angebracht.

4) Wo könnte man nach Ihrer Meinung nach ansetzen und vor allem wer könnte ansetzen?

Aufgezählt nach Prioritäten

a) Auseinandersetzung mit dem Gewaltpotential des Islams. Angestoßen durch theologischen Fakultäten in den jeweiligen Zentren, in Verbundenheit mit den allgemein gültigen Menschenrechten und angepasst an die Moderne.
b) Enttabuisierung der Sexualität und Entkopplung der Frau als Ganzes von der Verantwortung die Ehre der Familie, des Clan und der Gesellschaft, durch das sexuelle Verhalten nach außen prägen zu müssen.
Verbunden mit einer uneingeschränkten Gleichstellung zwischen Mann und Frau

c) Infrastrukturprogramme, wirtschaftliche Förderung und Stärkung der Bildung, bei gleichzeitiger Bekämpfung der Korruption, sollten Fluchtursachen reduzieren oder gänzlich verschwinden lassen.

d) Transfer von Umwelttechnologien, nicht profitorientiert, um eine positive Umgebung zu schaffen, welche aktuell durch den Klimawandel einer starken Veränderung mit allen negativen Folgen unterliegt, die zur Perspektivlosigkeit und Radikalisierung führen.

e) In Europa und im Westen im Allgemeinen werden wir theologische Lehrzentren aufbauen müssen, welche einen Islam lehren, der mit einer Demokratie und den universellen Menschenrechten vereinbar ist. Als Gegenmodell zum ultraorthodoxen wahabitisch – salafistischen Modell, welches durch die finanzielle Potenz arabischer Staaten in die ganze Welt exportiert wird und am Ende teilweise auch in den Moscheen bei uns gepredigt wird.

Die Geltungshoheit muss hier bei den theologischen Fakultäten liegen, die erst noch aufgebaut werden müssen. Dies wird natürlich Geld kosten. Ist aber im Verhältnis geringerer Einsatz, als den Preis zu bezahlen, den eine Spaltung und Polarisierung der Gesellschaft hervorruft.

f) Zu guter Letzt müsste Europa sich selber dazu entschließen, die eigenen Werte – Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Religionsfreiheit, Gleichberechtigung… usw. – wieder hoch zu halten. Als Leitbild und gemeinsamen Wertekanon für all die, die hier leben möchten. Dabei sollte auch jedem klar gemacht werden, dass Wohlstand, die Partizipation an den Werten und die Sicherheit, die wir hier genießen, auch an die Pflicht gekoppelt ist, exakt für diese gemeinsam einzustehen. Unabhängig der Herkunft oder der Religionszugehörigkeit.

Durch ein „Wir – Gefühl“, welches junge Menschen dort abholt, wo sie abgeholt werden müssen. Bevor es zu spät ist.
Und das ist das Selbstwertgefühl, gekoppelt an einen Wertekanon, der gleichzeitig Leitbild und Vorbild sein kann.

5) Was reizt Menschen an Ideologien?

Einfache Antworten, die

a) Das Selbstwertgefühl stärken
b) Macht verleihen
c) Klare und festgelegte Strukturen bieten
d) Über den Materialismus hinaus Spiritualität bieten. Eigentlich eine Aufgabe der Kirchen, die sie in der aktuellen Zeit nicht mehr richtig zu erfüllen wissen. Die orientalischen und orthodoxen Kirchen, die in Deutschland zahlreich vorhanden sind, bilden durch die religiös – soziale Struktur eine Ausnahme.

6) Wie sehen Sie momentan die Entwicklung in Deutschland (AfD auf Vormarsch, Neonazis, aber auch radikalisierte Jugendliche, die sich dem IS anschließen) und wie sehen Sie die Entwicklung in der Türkei?

Radikalisierung, ob nun rechts, links oder religiös, funktioniert immer nach dem gleichen Schema und wird durch Ängste geschürt.
Rechtes Gedankengut ist übrigens nicht nur bei Deutsch – Deutschen, sondern leider auch bei Deutschen mit z.B. türkischen oder arabischen Migrationshintergrund vorhanden.
Innerhalb dieser Prägungen gibt es immer Schuldige, die einem alles wegnehmen möchten oder nicht nach oben lassen.
In Deutschland waren das einmal oder sind es wieder die Juden, die Ausländer, die Osteuropäer, die Türken, die Araber und nun auch vermehrt die Muslime.

Persönlich würde ich es vermeiden die AFD mit Rechtsradikalen gleichzusetzen. Sie ist das nicht und wird aller Wahrscheinlichkeit auch dieses Jahr in den Bundestag einziehen.
Anstatt die Menschen, die die Partei wählen, zu verdammen und zu stigmatisieren, wie es die hiesigen Medien leider aus einem Nachkriegskomplex getan haben, sollte mach sich eher mit dem Inhalt der Partei und den Menschen beschäftigen.

Wenn die AFD heute, demokratisch gewählt, den Finger in die Wunde legt, wenn es z.B. um den politischen Islam geht und damit Stimmung macht, so ist das das Resultat einer fehlgeleiteten Politik der etablierten Parteien und man darf sich nicht wundern. In Deutschland hat man oft die Eigenart lehrerhaft auf alles herabzublicken, was einem nicht gefällt. Nun muss man in einer Demokratie nicht alles mögen. Doch bietet die Demokratie genügend Instrumente an, um diese wehrhaft zu verteidigen.

Was sind die Konzepte der AFD?
Wie können und sollen diese umgesetzt werden?
Wo sind die Gefahren?
Zuhören anstatt blockieren wäre sinnvoller.

Vieles löst sich auch von alleine auf, wenn es dann real um die Lösung von Problemen geht.
Da wo Verantwortung übernommen werden muss, hören die schrillen Töne auch meistens sofort auf.

In der Türkei werden Ängste geschürt, weil angeblich die Zionisten, die Nato, die Kurden, der IS, das Land zerstören möchten.
Dabei übertüncht gerade in der Türkei das Schüren von Sorgen die makroökonomischen Verhältnisse.
Der Wirtschaftsboom basierte auf Schulden und wurde besonders durch Infrastrukturprogramme befeuert, die eigentlich unprofitabel sind.
Wozu benötigt eine Region in Südostanatolien z.B. vier Flughäfen im Umkreis von 200 Kilometern?
Neun von zehn Privathaushalte in der Türkei sind verschuldet.
Legal befinden sich zwei Millionen Flüchtlinge im Land, die das Lohnniveau unterwandern.
Illegal dürften es vier Millionen sein.
Die Inflation steigt.
Das Land führt einen Zweifrontenkrieg (Syrien und innerkurdischer Konflikt), der militärisch nicht zu gewinnen ist.
Die Bevölkerung ist im Inneren gespalten.
Korruption ist ein Problem. Auch wenn man das im anatolischen Raum „kleines Geschenk„ nennt, ist es dennoch eine Art der Korruption.

Die Türkei hatte in den letzten Jahren sehr viele positive Entwicklungen durchgemacht. Leider wird gerade durch die aktuellen Entwicklungen, die makroökonomischer Natur sind, nach einfachen Lösungen gesucht.
Und das Schüren von Angst, durch eine angebliche Bedrohung von außen, speist radikale Tendenzen.

7) Ist bald wieder eine Reise geplant?

Ja. Da das ganze Projekt immense Wellen geschlagen hat, haben wir einen gemeinnützigen Verein gegründet, welcher weitermacht.
Die nächsten Ziele sind Ägypten, Israel – Palästina, Russland, Libanon, Jordanien, Tschechien usw…