Rabia Makhoul im Interview mit Shady Khalloul

Gusch Halav, ein kleines Dorf im Norden von Israel, schreibt Geschichte. Das aramäische Volk, dessen Sprache Jesus Christus und die gesamte Nahost-Region bis zum 12. Jahrhundert gesprochen haben, ist in Israel wiederauferstanden. Schon 2014 erkannte Israel das Recht der orientalischen Christen an, sich als Aramäer registrieren lassen zu können. Diese Anerkennung galt damals nur für die Registrierung von neu geborenen Kindern aus orientalisch-christlichen Familien. Ihre Eltern galten weiterhin als Araber und konnten sich nur unter Inkaufnahme hoher bürokratischer Hürden ummelden. Dies ging einher mit kostspieligen Gerichtsbeschlüssen und machte es für viele praktisch unmöglich, sich als Aramäer eintragen zu lassen. Die israelische Knesset folgte bald darauf der Empfehlung des Ministerkomitees und erließ ein neues Gesetz, welches den orientalischen Christen in Israel das Recht einräumt, sich unbürokratisch und kostenlos als Aramäer registrieren zu lassen. In der augenblicklichen Situation im Nahen Osten, in der christliche Minderheiten in ihren eigenen Ländern ermordet, verfolgt und versklavt werden, beweist das kleine demokratische Land Israel seinen Sinn für Geschichte, Toleranz und Religionsfreiheit. Diese Tatsache ist angesichts der Terroranschläge in Europa, und insbesondere der Gewalttaten gegen die koptische Minderheit in Ägypten, bedeutungsvoller denn je. Die christliche Minderheit in Israel feierte auch Palmsonntag wie alle christlichen Minderheiten im Nahen Osten. Im Gegensatz zu den anderen Christen in der arabischen Welt, mussten sie in Israel den Palmsonntag nicht unter Verfolgungsangst feiern, sondern konnten auf den Straßen von Haifa, Nazareth und Gush Halav die Palmsonntagsprozessionen genießen.

Aus diesem Anlass sprach ich mit dem Gründer der aramäischen Bewegung in Israel, Shady Khalloul.

Shady Khalloul ist ein israelischer Staatsbürger und maronitischer Christ mit aramäischen Wurzeln. Seine Familie kommt ursprünglich aus dem maronitischen Dorf Kfar Baram im Norden Israels. Heute lebt er in dem angrenzenden Dorf Gush Halav. Seinen Wehrdienst in der israelischen Armee hat er 1993 begonnen und als Fallschirmjägeroffizier beendet. Shady ist die treibende Kraft hinter der Anerkennung der aramäischen Identität durch Israel. Er ist auch der Vorsitzende der Israelisch-Christlich-Aramäischen Vereinigung e.V.

 

R. Makhoul – Sie haben die ICAA (Israeli Christian Aramaic Association) in Israel gegründet. Wann und warum?

S. Khalloul – ICAA wurde in 2006, nachdem ich mein Studium in den USA beendet hatte, gegründet. Ich merkte, dass es eine Wissenslücke über die Aramäer, die christliche Identität im Orient und insbesondere über die in Israel lebenden Maroniten, gibt. Unser Volk hat seine Identität und Sprache verloren. Aus diesem Grund gründeten wir den Verein. Wir möchten das Bewusstsein der Menschen in der eigenen Geschichte stärken. Die Wiederbelebung der aramäischen Sprache war ein wichtiger Aspekt. Des Weiteren wollten wir der israelischen und internationalen Öffentlichkeit zeigen, dass wir als maronitische Christen mit aramäischen Wurzeln existieren. Wir vertreten die besonderen Rechte der Christen in Israel und möchten eine gelungene Integration in der israelisch – jüdischen Gesellschaft fördern.

R. Makhoul – Sie wurden viel von der arabischen Gesellschaft in Israel, insbesondere von den arabisch sprechenden Christen, angefeindet. Warum?

S. Khalloul – Christen im Nahen Osten wurden nach der islamischen Eroberung im siebten Jahrhundert mit der Zeit gezwungen, arabisch zu sprechen. Viele Christen möchten die arabisch – muslimische Gesellschaft, in der sie leben, zufrieden stellen. Die Christen im Nahen Osten sind schwach und viele haben Angst vor der Reaktion der muslimischen Nachbarn. Aus diesem Grund wird jeder Versuch sich auf seine Tradition, Sprache und Identität zu besinnen, im Keim erstickt. Sie möchten auch nicht als Verräter angesehen werden. Dieser Vorwurf kann bekanntlich tödlich sein.

R. Makhoul – Haben Sie Morddrohungen für ihre Aktivitäten erhalten?

S. Khalloul – Ich erhalte schon Drohungen über Facebook von muslimischen Arabern. Ich kann nicht belegen, ob diese israelische Staatsbürger oder aus Autonomiegebieten der Palästinenser sind.

R. Makhoul – Wie ist Ihre Beziehung zu den arabischen Parlamentsabgeordneten in Israel? Mögen Sie was sie tun?

S. Khalloul – Ich pflege keine Beziehung zu den arabischen Parlamentsabgeordneten in Israel, weil sie einfach gegen die Wiederauferstehung der aramäischen Identität und Sprache sind. Es entspricht nicht ihrem Verständnis. Sie möchten, dass alle Arabisch sprechen und akzeptieren keine andere Identitäten bzw. Meinungen. Meiner Meinung nach behindern die arabischen Abgeordneten mit ihrem Benehmen die Integration der Araber in Israel. Unser Verein arbeitet für die Integration in der israelischen Gesellschaft und für eine friedliche Koexistenz zwischen Juden und Christen.

R. Makhoul Sie haben den aramäischen Unterricht in der Grundschule der Gemeinde durchgesetzt?

S. Khalloul – Richtig, wir haben in Zusammenarbeit mit dem israelischen Erziehungsministerium ein Programm entwickelt, durch das die aramäische Sprache und Identität in der Schule unterrichtet wird.

R. Makhoul – Warum war es wichtig für Sie, dass die Kinder in der Schule Aramäisch lernen?

S. Khalloul – Unser Sprache ist sehr wichtig und wir müssen sie erhalten. Ohne die Sprache haben wir keine Identität.

R. Makhoul – Wie haben Sie das Erziehungsministerium überzeugt, dass die Sprache für Sie als kleine Minderheit wichtig ist?

S. Khalloul – Zwei Jahre lang habe ich jeden Sonntag privat Aramäisch unterrichtet. Danach nutzte ich eine Gelegenheit, einem Vertreter des Erziehungsministeriums unsere Arbeit und Fortschritte zu zeigen. Natürlich haben wir unsere Verbundenheit zu der Sprache mit historischen Dokumenten und Gebetsbüchern unserer Kirche belegt.

R. Makhoul – Sprechen Sie Aramäisch und wo haben Sie es gelernt?

S. Khalloul – Ich bete auf Aramäisch in unserer maronitischen Kirche von Antiochien. Das ist die Sprache unserer Vorfahren, unserer Kirche und von Jesus Christus. Als kleines Kind hörte ich die Sprache andauernd in der Kirche. Als 26-jähriger habe ich mein Wissen in der Sprache mit Hilfe von unserem Priester vertieft.

R. Makhoul – Sie unterstützen Christen bei ihrem Wehrdienst in der israelischen Armee. Warum machen Sie das?

S. Khalloul – Die israelische Armee ist ein Schmelztiegel der israelischen Gesellschaft. Wer in der Armee dient, versteht das Gedankengut und die Ängste der jüdischen Gesellschaft. Natürlich ist es dadurch auch einfacher, sich später in die israelische Gesellschaft zu integrieren. Trotz alledem ist es als in Israel lebende aramäische Christen unser Interesse, den jüdischen Staat zu stärken. Das bedeutet Sicherheit für uns und für alle israelischen Staatsbürger.

R. Makhoul – Viele Menschen aus der Gemeinde verurteilen Sie dafür, Israel trotz der illegalen Räumung des Dorfes (Kfar Baram) ihrer Großeltern 1948, zu unterstützen. Wie begründen Sie ihre Unterstützung für Israel? 

S. Khalloul – Es gibt keine perfekte Demokratie. Die USA und sogar Deutschland sind auch keine perfekten Demokratien. Israel hat auch Unrecht gegenüber unserem aramäischen Dorf getan. Als aramäische Christen mit gemeinsamer Wertevorstellung und Geschichte mit den Juden sollten wir dem Staat Israel helfen, unsere Demokratie zu perfektionieren. Ist das nicht die Pflicht von Staatsbürgern eines Landes? Ich glaube unsere Aufgabe ist, immer positiv zu denken, um die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren.

R. Makhoul – Wie wollen Sie dieses Ziel erreichen?

S. Khalloul – Wir streben es an, gemeinsam mit vielen jüdischen Knesset Abgeordneten eine Problemlösung für die aus dem Dorf entwurzelten Familien zu finden. Viele in Israel wissen z.B. nicht, dass die Maroniten vielen Holocaustüberlebenden und vielen Juden aus den arabischen Ländern bei der Flucht geholfen haben. Viele Dokumente in den israelischen Archiven beweisen das und wir sollten Israel zeigen, was uns verbindet.

R. Makhoul – Das höchste israelische Gericht hat schon 1953 für die Rückkehr der Familien entschieden. Warum hat die israelische Regierung bis jetzt diese Entscheidung nicht ausgeführt?

S. Khalloul – Alle israelischen Regierungen haben Angst vor einem Präzedenzfall und aus diesem Grund wird die Entscheidung immer vertagt. Viele in Israel lebende, aber auch außerhalb des Lands lebende Araber, möchten unseren gerechten Kampf für ihre Zwecke missbrauchen, um gegen Israel zu arbeiten. Israel versteht langsam diese Problematik und ich hoffe, dass bald die Entscheidung des obersten Gerichts umgesetzt wird.

R. Makhoul – können Sie uns einen kurzen Überblick über das Dorf Ihrer Großeltern geben und wie gehen Sie vor, dass Sie in der Zukunft in dem Dorf ihrer Großeltern leben können?

S. Khalloul – Das Dorf KfarBaram liegt nicht weit von der libanesischen Grenze entfernt und alle Einwohner gehören zu der christlich-maronitischen Gemeinde. Während des israelischen Unabhängigkeitskrieges 1948 erreichtedie israelische Armee am 29.10.1948das Dorf. DessenEinwohner wurden aufgefordert, zunächst in ihren Häusern zu bleiben und wurden als israelische Staatsbürger registriert. Am 14.11.1948 kam der Befehl, dass die Einwohner das Dorf aus Sicherheitsgründenfür nur zwei Wochen verlassenmüssten. Dieses Rückkehrversprechen wurde bis heute nicht eingehalten. Ich glaube aber, dass die positive Entscheidung über das Dorf bald kommt, da es für Israel als souveränenStaat sehr wichtig ist, die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren.

R. Makhoul – Wie sehen Sie die Zukunft der christlichen Gemeinden in Israel. Gibt es für sie eine Zukunft oder werden sie, wie in der arabischen Welt, verschwinden?

S. Khalloul – Im Gegensatz zu den Christen in der arabischen Welt, prosperieren die in Israel lebenden christlichen Gemeinden. Sie sind besser in der Gesellschaft integriert und fühlen sich in Sicherheit.

R. Makhoul – 2014 hat das Innenministerium das Recht verabschiedet, dass Christen sich als Aramäer registrieren lassen können. Sie sind der Vordenker hinter dieser Entscheidung. Wie sehen Sie diesen Schritt?

S. Khalloul: Wir haben sehr hart und lang für diese gerechte und richtige Entscheidung gekämpft. Ich war immer sehr optimistisch, da viele Juden uns auch unterstützt haben und letztendlich haben wir eine gemeinsame Geschichte. Wir wussten, dass Israel ein gerechtes Land ist und am Ende unser Ersuchen akzeptieren wird. Aus diesem Grund habe ich das gleiche Gefühl, dass in Israel das aramäisch-maronitisches Dorf KfarBaram wieder aufbaut wird. Ich bin Israel sehr dankbar für die Anerkennung und Stärkung meiner aramäisch- maronitischen Identität.

R. Makhoul – Wer hat das Recht, sich als Aramäer zu registrieren?

S. Khalloul – Jeder christlicher Israeli, der aus den orientalischen Kirchen stammt, darf sich als Aramäer registrieren.

R. Makhoul – Warum ist Aramäisch sehr wichtig für Sie?

S. Khalloul –  Es ist unsere Identität und Sprache. Ohne diese würden wir nicht mehr existieren. Die ersten Christen waren Aramäer oder haben diese Sprache gesprochen. Wir haben als Ureinwohner dieser Region eine historische Pflicht, diese Sprache zu erhalten.

R. Makhoul – Ermutigt Ihrer Meinung nach die israelische Entscheidung viele orientalische Christen, über ihre Wurzeln und ihre Geschichte nachzudenken?

S. Khalloul – Ich glaube schon, dass diese Entscheidung viele Christen zum Umdenken bewegen kann und sie das gleiche in ihren Ländern einfordern. Sie müssen aber mutig sein und immer die Wahrheit sagen und nicht, was andere gerne hören möchten.

R. Makhoul – Was wünschen Sie sich in der Karwoche für die in Israel lebenden Christen und für die orientalischen Christen im vorderen Orient?

S. Khalloul – Ich wünsche mir, dass wir als in Israel lebende Christen weiter in Frieden leben können und für die anderen Christen in der arabischen Welt wünsche ich, dass sie endlich ihre Anerkennung für ihre andauernden positiven Beiträge für die Gesellschaften erhalten. Natürlich auch, dass die Verfolgung der Christen in den islamisch geprägten Ländern endlich aufhört.

R. Makhoul – Vielen Dank für das ehrliche Interview Shady. Ich wünsche Ihnen ein frohes und friedliches Osterfest und viel Erfolg. 

 

Rabia Makhoul

Redaktion

 

Rabia Makhoul ist maronitischer Christ und stammt aus Israel. Als Mitglied des Zentralrates Orientalischer Christen in Deutschland e.V. unterstützt er Vorstand und Redaktion beim Thema Israel mit aktuellen Informationen und fundiertem Hintergrundwissen.