Interview mit Anba Pola

Terroranschläge auf Kopten in Ägypten – 3 teilige Interviewreihe vom August 2017 von Markus Meleka

1. Interview mit Anba Pola

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Interview mit Bischof Anba Pola Französisch 2

Markus Meleka: Eure Eminenz, vielen Dank, dass Sie uns heute empfangen haben. Wie fühlen Sie sich 2 Monate nach Sprengung der St. Georg Kathedrale in Tanta?

Bischof Anba Pola: Es ist sehr schmerzhaft und sehr traurig! Denn wir verzeichnen 30 Märtyrer und ca. 107 Verletzte, darunter Menschen, welche ihre Augen, Beine, Arme und damit auch ihre Existenzgrundlage verloren haben. Wir müssen verstehen, dass sich diese Ereignisse jederzeit an anderen Orten in Ägypten wiederholen können. Wir können auch beobachten, dass sich in Europa Terroranschläge ereignen. Um solche Anschläge in Ägypten zu vermeiden, muss international geplant und gehandelt werden.

Markus Meleka: Was muss unternommen werden, um diesen Terrorismus zu stoppen?

Bischof Anba Pola: Es bedarf folgender Maßnahmen, um den Terrorismus in Ägypten zu eliminieren: Die finanzielle und infrastrukturelle Unterstützung sowie die Versorgung von Terroristen mit Waffen und Geld muss gekappt werden. Dazu ist eine internationale Planung und Koordinierung erforderlich.
Ich appelliere an die Weltgemeinschaft, terroristische Gruppen nicht zur Erreichung politischer Ziele zu instrumentalisieren.
Wo hat der moderne Terrorismus begonnen? Es hat alles angefangen, als der Westen Al-Kaida in Afghanistan finanziert und trainiert hat, ihnen Gelder und Waffen zur Verfügung gestellt hat, damit Al-Kaida die Sowjets aus Afghanistan vertreibt Es handelte sich um eine politische Instrumentalisierung. Man hat einen kleinen Löwen großgezogen, welcher zu einem großen Löwen herangewachsen ist. Aus dem Löwen wurden viele Löwen. Der Löwe war zunächst in Afghanistan, heute finden wir ihn in Ägypten, Syrien, im Irak und in Europa. Der Anfang war, dass man Terroristen für politische Ziele benutzt hat. Ich möchte darum bitten, dass die Westliche Welt dies versteht. Die Westliche Welt spielte eine wesentliche Rolle bei der Entstehung und anfänglichen Präsenz des IS im Irak und in Syrien, ebenfalls aufgrund politischer Instrumentalisierung. Der IS war zunächst unwichtig, nun ist er groß und hat sich überall ausgebreitet. Der Westen hat es zudem im Nahen Osten durch seine politische Strategie der religiös-politischen Gruppierung der Muslimbruderschaft ermöglicht, diese Länder zu kontrollieren. Nun möchte diese religiös-politische Gruppierung die Länder nicht verlassen. Deshalb säht sie Terror in der Region
Ägypten steht weiterhin im Fokus einiger Staaten, welche den Terrorismus innerhalb Ägyptens finanzieren und unterstützen, beispielsweise die Türkei und Katar. Heutzutage ist das kein Geheimnis mehr. Was sollte die Westliche Welt gegenüber diesen Staaten unternehmen? Ich möchte sagen, dass nicht nur Ägypten von innen heraus die Kopten vor dem Terrorismus schützen sollte, sondern dass die restliche Welt ebenso eine Rolle bei der Verhinderung spielen muss, dass weder Waffen noch Geld zu terroristischen Zwecken nach Ägypten gelangen. Daher sprach ich von der Notwendigkeit internationaler Koordination, um den Terrorismus von der Wurzel her zu bekämpfen und zu eliminieren.
Aus regionaler Sicht kann ich zwei Monate nach dem Anschlag sagen, dass trotz der Meinung, dass die Leistung der Polizei Schwächen aufweist, wie z.B. innerhalb der Kirche, als die Polizei präsent war, ich trotzdem der Meinung bin, dass der Staat zugleich positiv gehandelt hat, um die Schäden des Ereignisses zu beseitigen. Die Polizei konnte den Anschlag nicht verhindern. Der Staat hat jedoch versucht, mit dem Ergebnis angemessen umzugehen. Beispielsweise haben die ägyptischen Streitkräfte versprochen, die Kathedrale auf eigene Kosten zu renovieren. Wir danken ihnen dafür.
Des Weiteren haben die staatlichen Krankenhäuser, im Besonderen die Krankenhäuser der ägyptischen Streitkräfte, alle unsere verletzten Kinder aufgenommen, ihnen alle nötigen Mittel kostenlos zur Verfügung gestellt. Alle Operationen gingen auf Kosten der Streitkräfte. Gleichzeitig war der Umgang mit unseren Kindern beispiellos. Stellen Sie sich vor, dass in den Veranstaltungsräumen der Streitkräfte Gottesdienste für unsere Verletzten und ihre Verwandten abgehalten wurden.
Ebenso fand der Ostergottesdienst in den Krankenhäusern statt. Die Streitkräfte servierten sogar das Ostermahl für die Verletzten und ihre Verwandten. Die Wunden wurden behandelt und versorgt. Der Staat hat viel getan, um die negativen Folgen dieses Anschlags zu lindern. Dennoch bleiben wir weiterhin von terroristischen Anschlägen bedroht. Ich möchte Ihnen sagen, dass hier in Ägypten drei Gruppen vom Terror bedroht sind: die Armee, die Polizei und die Christen. Am einfachsten ist es an die Christen zu kommen. Es ist leicht, in eine bewachte Kirche mit tausenden von Menschen aufgrund von Sicherheitslücken zu gelangen und einen Anschlag zu verüben. Sie sind heute in das Diözesan-Gebäude gekommen. Was haben Sie bemerkt?

Markus Meleka: Ich sah ein Aufgebot an Polizisten und Sicherheitsleuten sowie Absperrungen. Außerdem musste ich mich einer Ausweiskontrolle unterziehen und meine Kameratasche wurde durchsucht.

Bischof Anba Pola: Der Staat handelt im Rahmen seiner Möglichkeiten. Mag sein, dass dies nicht zwingend eine hundertprozentige Sicherheit gewähren wird, denn wer aus dem Ausland plant, ist derzeit möglicherweise den ägyptischen Sicherheitskräften mit seinen aktuellen Mitteln einen Schritt voraus. Nichtsdestotrotz sage ich ihnen Dank für ihre Bemühungen, uns im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu schützen. Dieses Thema reicht über Ägypten hinaus. Es betrifft die ganze Welt. Die Welt muss sich entschieden erheben und gegen den Terrorismus stellen, um ihn mit Stumpf und Stiel auszumerzen. Und das beginnt mit der Unterbrechung der Geld- und Waffenströme.
Markus Meleka: Welche Vorkehrungen wurden von der Regierung und der Kirche getroffen?
Bischof Anba Pola: Die Regierung hat das Sicherheitsaufgebot und die Überwachung der Kirchen verstärkt. Die Kirche hat die Anzahl der Ausflüge minimiert. Heute habe ich während der Priesterversammlung einen einmonatigen Ausflugsstop außerhalb Tantas bekanntgegeben, denn der Anschlag von El-Minya kann sich überall in Ägypten wiederholen.

Markus Meleka: Wie sehen Sie die Zukunft der Kopten in Ägypten?

Bischof Anba Pola: Die Kopten leben hier von Anfang an. Sie sind die Nachfahren der Alten Ägypter. Es ist ihr Land. Sie haben bereits größere Krisen als diese erlebt und haben grausame Perioden der Verfolgung zu Zeiten der Römer erfahren. Ihr Blut ist in den Straßen geflossen. Ägypten und die Kopten existieren nach wie vor. In der Bibel erhielt Ägypten einen besonderen Segen, Jesaja 19,25: „Gesegnet bist du, Ägypten, mein Volk.“ Ägypten wurde von der Heiligen Familie besucht. Glauben Sie, dass die Kopten in Ägypten ausgelöscht werden können? Unmöglich! Glauben Sie, dass die Heilige Maria, welche in Al-Zeitoun und in anderen Kirchen erschienen ist, es zulassen wird, dass die Kopten Ägypten verlassen? Wir werden in unserem Land bleiben. Wir werden unser Land nicht verlassen. Der Terrorismus wird besiegt werden. Ägypten wird bestehen und die Kopten werden in Ägypten weiterleben.

Markus Meleka: Vielen Dank eure Eminenz Bischof Anba Pola für dieses Interview.

Bischof Anba Pola: Ich danke Ihnen.

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Markus Meleka, dessen Wurzeln in Ägypten liegen, ist Vorstandsmitglied des Zentralrates Orientalischer Christen in Deutschland e.V.. Als aktives Mitglied setzt sich der sprachlich bewanderte Deutsch-Kopte für eine effiziente Berichterstattung aus dem arabischen-sprachigen Raum, im Speziellen für Ägypten, ein.