Christliche Identität und historische Transformation – Teil 2 – Israel, von Rabia Makhoul

Christliche Identität und historische Transformation –
Teil 2 – Israel, von Rabia Makhoul
 
Vorwort von Dr. h.c. Berthold Gees
 
Historisch war die Eroberung Jerusalems im Jahre 70 n. Christus und die Zerstörung des Jüdischen Tempels durch die Römer eine einschneidende Zäsur. Nicht nur ca. 1,1 Mio. Menschen sollen damals ihr Leben verloren haben. Nein, es begann auch (erneut) eine Zeit der Vertreibung und Diaspora, die ca. 1900 Jahre andauerte. Während dieser Zeit kam es in den Gastländern der Juden zu zahlreichen Übergriffen und Pogromen, die mit Tod und Vertreibung, mindestens aber mit einer Einschränkung ihrer Rechte zu tun hatten. Ihren grausamen Höhepunkt fanden die Judenverfolgungen in der Shoah, dem nationalsozialistischen Völkermord an den deutschen und europäischen Juden. Ca. 6 Mio. Juden wurden während des Zweiten Weltkrieges von den Nazis ermordetet.
Aus diesen historischen Gewalterfahrungen speiste sich eine starke Sehnsucht vieler Juden nach einem eigenen Staat, der Sicherheit und freie Religionsausübung ermöglichen sollte. Die zionistische Bewegung unter Theodor Herzl hatte sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts des jüdischen Anliegens einer „gesicherten Heimstätte“ angenommen. 1948 erklärte der Staat Israel seine Unabhängigkeit. Vorausgegangen waren zahlreiche gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen jüdischen Einwanderern und palästinensisch-arabischen Einwohnen sowie mit der damaligen britischen Mandatsmacht über Palästina. Gewalttätige Auseinandersetzungen und militärische Konflikte sollten auch nach der Staatsgründung die weiteren Entwicklungen begleiten. Im Zuge der Staatsgründung wurden ca. 700 Tsd. Palästinenser vertrieben. Deren Nachfahren leben z.T. noch heute in Flüchtlingslagern. Die sog. Palästinenserfrage ist das wesentliche Element für den Nah-Ost-Konflikt.
 
In der israelischen Verfassung konstituiert sich eine mannigfaltige und enge Verbindung von Religion und Staat. Israel ist weit entfernt von einer klaren Trennung von Kirche und Staat. So hat beispielsweise bis heute jeder Jude weltweit das Recht, in Israel einzuwandern und schnell die israelische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Bemerkenswert ist aber, dass in Juden in Israel trotz der historischen Gewalt- und Unterdrückungserfahrungen eine weitreichende Glaubens- und Kultusfreiheit gewähren. Alle großen Religionsgemeinschaften sind staatlich anerkannt und dürfen ihren Glauben auch öffentlich praktizieren. Und dies gilt trotz des starken Einflusses orthodoxer und ultraorthodoxer Parteien, welche die israelische Verfassung am liebsten auf die Grundlage der fünf Bücher Mose stellen möchten.
 
Israel ist damit eine Ausnahme im Vergleich mit allen anderen Staaten der Region. Vielleicht sind es gerade diese religiösen Freiheitsrechte, welche so starke Impulse für den Überlebenswillen des Landes und seine Entwicklungspotentiale setzen?
 
Im nachfolgenden Text legt ZOCD-Vorstandsmitglied Rabia Makhoul, in Deutschland lebender gebürtiger Israeli und maronitischer Christ, ein flammendes Zeugnis seiner Begeisterung für diesen Staat vor. Und in der Tat motivieren seine Begeisterung und seine Argumente zum Nachdenken. Insbesondere die religiösen Freiheitsrechte und die Akzeptanz der Vielschichtigkeit gesellschaftlich-sozialen Lebens verleihen dem Land in der Region eine Sonderstellung. Vielleicht motiviert das subjektive und pro-israelische Plädoyer aber auch dazu, sich intensiver mit dem Land zu beschäftigen, sich ohne Vorurteile mit den Vor- und Nachteilen des so häufig angefeindeten Landes zu beschäftigen?
 
Dr. h. c. Berthold Gees, 5.11.2017
 
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Rabia Makhoul: Mein freiheitlich liberales Israel
 
Israel ist kein Schurkenstaat, keine Blaupause unverarbeitet historischer Versatzstücke, nicht böse, nicht abgrundtief schlecht, schon gar nicht so, wie übelkritische Zeitgenossen dies gebetsmühlenhaft wiederholen.
 
Ich lebe seit mehr als 20 Jahren in Deutschland, aber Israel ist und bleibt mein Gelobtes Land! Israel ist mein Geburtsland! Dieses Land ist unendlich spannend und faszinierend! Es sind seine Menschen, die es zu dem machen, was es ist: faszinierend! Es ist wunderbar, diese Menschen zu erleben. Dabei spielt es keine Rolle, dass ich in Israel geboren wurde, aufwuchs, eine der besten schulischen Ausbildungen im weltweiten Vergleich genoss und natürlich viele, viele Verwandte, Freunde und Bekannte dort habe. Nein, es ist die überall im Land spürbare Stimmung, ein von Lebenslust getragenes, vibrierendes Fluidum der Stimmungen, das jederzeit turbulente Leben in den zahlreichen verwinkelten und lauten Gassen, die mit herzlichem Lachen jederzeit entgegen getragene Offenheit, die unendlichen Einflüsse an den mannigfaltigen Schnittlinien vieler Kulturen, Lebensformen, jederzeit greifbar, spürbar wie bei einem edlen Parfüm, das unsichtbar aber doch spürbar überall seinen Duft verströmt. Es sind diese Eindrücke und Erfahrungen, Verwerfungen, welche das Land zu meinem Erfolgsmodell in Nah-Ost schlechthin gemacht haben.
 
Und eines habe ich in Israel gelernt. Egal wer du bist, egal was du machst, egal woher du kommst: Du selbst und niemand anders als Du selbst bist Deines Glückes Schmied! Du selbst hältst die Formel Deines Erfolges in deinen Händen. Du selbst kannst alles erreichen, wann immer, wenn immer Du fleissig und strebsam bist, nicht aufgibst, eintauchst in jene Welten von inspirierendem Optimismus.
 
Natürlich könnte dies für alle Länder gelten, aber es ist Israel, in dem dieser Optimismus blüht, sich jederzeit in das tragende und erhebende Lebensgefühl verwandelt, das alles durchströmt, und mit seinem unbändigen Optimismus unwiderstehlich ansteckend wirkt. Oder wie sonst wäre es zu erklären, dass sich ein Staat wie Israel in einer Region, von Feinden umgeben, behaupten konnte, über Jahrzehnte hinweg? Gerade das hängt so untrennbar mit diesem optimistischen Lebens- und Überlebenswillen seiner Bewohner zusammen!
Viele sehen in Israel d e n Feind in Nahost schlechthin. Die bekannten politischen Protest- und Verwerfungslinien fußen allesamt auf diesen Emotionen. Sie konstituieren Abgründe von Ablehnung und Hass, diskreditieren ein kleines optimistisches Land mit fröhlichen Menschen, stellen Israel als nicht lebenswert dar, als ein Land, welches gar seine Minderheiten unterdrücke.
 
Zugegeben: Auch Israel hat seine Probleme, innen- und sozialpolitischer Natur, aber welches Land hätte die nicht? Dennoch hat dieses sehr kleine Land sehr viel erreicht, nicht nur im militärischen Bereich, der es ermöglichte, dass sich das Land regional behaupten konnte. Nein, die Leistungen Israels zählen in verschiedenen Bereichen zum Besten, was diese Welt zu bieten hat.
 
Wirtschaftlich ist das Land ein hoch entwickelter Industriestandort und respektables OECD-Mitglied. Im Nahen Osten hat es den höchsten Lebensstandard, den fünfthöchsten in Asien. Dass ein Land, welches über so gut wie keine natürlichen Ressourcen verfügt, dieses erreichen konnte, ist seinen humanen Ressourcen zu verdanken, die planmäßig auf höchstem Niveau im Schul- und Hochschulwesen entwickelt werden.
 
Im Jahr 2016 erreichte Israel beim sogenannten Human Developement Index, welcher die Lebensqualität der Menschen in Staaten misst, einen sehr respektablen Platz 19 (von 188), vor Luxemburg, Frankreich und Belgien übrigens. Damit zählt das Land zu den sehr hoch entwickelten Staaten dieser Erde. Israel gilt neben dem kalifornischen Silicon Valley als weltweite bedeutendste Innovationshochburg. Es gibt mehr als 5500 Start-Ups in diesem kleinen Land, von der Größe des deutschen Bundeslandes Hessen übrigens.
Während meiner vielen Reisen ins Heilige Land (ich bin Christ) habe ich als „Einheimischer“ mindestens einen Vorteil. Die Menschen dort öffnen sich mir leichter, reden mit mir mit mehr Realismus, lassen mich teilhaben an der Wahrhaftigkeit ihrer Emotionen. Ich habe mit vielen Menschen gesprochen, mit Juden natürlich, aber auch mit muslimischen Arabern, Christen, Aramäern, Druzen und anderen Minderheiten, die –ganz anders als in vielen anderen Ländern der Region- in friedlicher Gemeinschaft miteinander leben. Sie arbeiten und leben nicht nur zusammen, einige leisten auch gemeinsam Militärdienst ab. Das gilt nicht nur für Druzen sondern auch für Muslime und sogar vermehrt für Christen. Einige fragte ich, wie sie dazu kämen, zusammen mit Menschen unterschiedlichen religiösen Bekenntnisses gemeinsam Militärdienst, in Israel, abzuleisten? Die Antworten waren bestechend einfach und überzeugend: „Uns geht es gut hier! Schau auf die Staaten um uns herum! Minderheiten werden dort verfolgt und getötet! Hier herrscht Frieden zwischen den Religionen! Wir möchten das behalten! Dafür verteidigen wir diesen Staat! Auch wirtschaftlich gehe es vergleichsweise gut und man könne seinen Glauben ausleben.
 
Tatsächlich erkennt der Staat Israel die Eigenständigkeit aller großen Religionsgemeinschaften an. Jede legale Religionsgemeinschaft genießt dieses Recht. In Israel herrscht Glaubens- und Kultusfreiheit. Jedermann kann im Rahmen seiner registrierten Religionsgemeinschaft seine Religion in privaten Bereichen wie auch in der Öffentlichkeit frei auszuüben. Christen in Haifa haben z.B. jederzeit die Möglichkeit, ihre Prozessionen frei und unbehindert in den Straßen von Haifa durchzuführen. Und noch eines: Während orthodoxe Juden ihr streng religiöses Leben in Bnei Berak (eine Vorstadt von Tel Aviv) ungestört leben, tobt nur 10 KM weiter das bunte westlich anmutende Leben an den Stränden des lauten Tel Avivs.
 
Sicherlich: Es gibt noch viel zu tun: Unter anderem bleibt der Konflikt mit Palästinensern ungelöst. Auch müssen wirtschaftlich prekäre Minderheiten stärker am wirtschaftlichen Erfolg beteiligt werden. Aber Israel ist optimistisch, auf einem erfolgversprechenden Weg!
 
Eine starke Gründerszene stärkt mit vielen Start-Ups die wirtschaftlichen Entwicklungstendenzen, auch um Entwicklungslücken zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zu schließen. In Nazareth, der größten arabischen Stadt Israels, entsteht z.B. ein Zentrum zur Stärkung der Gründerszene in der arabischen Gesellschaft. Viele erfolgreiche israelische Gründer beteiligen sich daran, um die arabische Minderheit in diesem Bereich eine Chance ihre Ideen unternehmerisch erfolgreich zu gründen. Menschen aus allen Volksgruppen arbeiten dort friedlich zusammen. Vielleicht ist auch das ein Mosaiksteinchen im Friedensprozess!
 
Und vielleicht kann es dieser Geist der Offenheit und Kooperationsfähigkeit sein, welcher das Land noch mehr als bisher voranbringt, welcher seine konfliktiven Elemente, seine Irrungen und Wirrungen im friedlich optimistischen Miteinander auflöst. Wünschenswert wäre es!
 
Und vielleicht können dabei die Erfahrungen eines liberalen und offenen Umgangs mit den Religionen Pate stehen!
 
Rabia Makhoul
Vorstandsmitglied
 
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Rabia Makhoul ist Mitglied im Vorstand des Zentralrates Orientalischer Christen in Deutschland und gehört der maronitischen Kirche an. Er wurde in Israel geboren und besuchte dort die Schule, bevor er nach Deutschland emigrierte. In unregelmäßigen Abständen wird er über seine Erfahrungen im Heiligen Land berichten.
 
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In der Reihe „Christliche Identität und historische Transformation“ sind bereits erschienen:
 
Prolog von Dr. h. c. Berthold Gees,
http://www.zocd.de/2017/11/02/christliche-identitaet-und-historische-transformation/
 
Länderübergreifender Bericht von Simon Jacob, http://www.zocd.de/2017/11/04/christliche-identitaet-und-historische-transformation-teil-1-laenderuebergreifender-bericht-simon-jacob/
 
Es folgen: Ägypten (Markus Meleka), Irak (Ninve Ermagan), Türkei (Ferit Tekbas), Iran (Simon Jacob)