Interview mit Tamer

Terroranschläge auf Kopten in Ägypten – 3-teilige Interviewreihe vom August 2017 von Markus Meleka

3. Interview mit Tamer

Ein Einblick in das Leben der Kopten in Ägypten

Markus Meleka: Wie hast du dich als Kopte gefühlt, als die Muslimbruderschaft 2012 in Ägypten an die Macht gekommen ist?

Tamer: Es war sehr hart für mich. Die meisten Kopten in Ägypten hatten das Gefühl, dass ihre Identität und ihre Existenz in Ägypten bedroht ist, weil die Muslimbruderschaft streng nach religiösen Regeln regieren wollte. Die Kopten hatten das Gefühl, dass es keine Zukunft mehr für sie in Ägypten geben könnte. Ihre Ängste wurden zur Realität, als zum 1. Mal in der Geschichte Ägyptens der Sitz des Papstes in El-Abassiya in Kairo angegriffen wurde. Die Menschen hatten den Eindruck, es gäbe keinen Rechtsstaat, weil das Staatsoberhaupt eine extremistische Ideologie vertrat. Die einzige Sicherheit für die Menschen war die Armee. Generell betrachtet hatten alle Menschen Angst und sahen für die Zukunft nur schwarz.

Markus Meleka: Beschreibe uns deine Gefühle, als die Muslimbruderschaft durch das ägyptische Militär im Juli 2013 abgesetzt wurde.

Tamer: Alle waren erleichtert. Die Menschen hatten das Gefühl, endlich durch einen Retter gerettet worden zu sein. Die Kopten hatten zuvor mit einer großen Beteiligung an den Massendemonstrationen gehen Mursi teilgenommen. Papst Tawadros war zudem anwesend, als El-Sisy, damals noch oberster General der ägyptischen Streitkräfte, in einer Rede die islamistische Verfassung außer Kraft setzte und die Absetzung Mursis verkündete. Die Menschen hatten nun wieder Hoffnung. Sie sahen El-Sisy als Führer der Armee und Retter des Volkes.

Markus Meleka: War es in deinen Augen ein Militärputsch?

Tamer: Nein, es war kein Militärputsch. Ich habe persönlich an den Demonstrationen in El-Tahrir teilgenommen. Wir waren mehr als 30 Millionen Menschen in ganz Ägypten. Es war der Wille des Volkes, welchem sich die Armee zu seinem Wohl angeschlossen hat. Wenn sich die Armee nicht diesem Willen gefügt hätte, hätte es enorme Probleme gegeben, weil die Muslimbruderschaft bereits die Kontrolle über alle staatlichen Schlüsselpositionen übernommen hatte. Sie hätten das ganze Land in Flammen setzen können. Tatsächlich drohten sie auch damit. Im Demonstrationscamp der Sympathisanten der Muslimbruderschaft „Rab’a“ finden wir viele Drohvideos auf Youtube. Beispielsweise wurden folgende Drohungen ausgesprochen: „Wir sagen den Nazarenern, dass ihr neben uns lebt, und wir wissen, wo ihr wohnt, und wir werden euch anzünden, wenn Mursi nicht zurück an die Macht kommt.“ „Das was El-Sisy getan hat, wird Ägypten in ein blutiges Zeitalter der Selbstmordattentäter führen, es wird ferngesteuerte Autobomben geben, es werden Selbstmordattentäter aus Afghanistan kommen, welche Blutbäder in ganz Ägypten anrichten werden.“ Dies ist teilweise tatsächlich geschehen. Nach der Räumung des Protestcamps „Rab’a“ durch die Armee wurden unzählige Kirchen, Klöster, Theologieschulen sowie Eigentümer der Christen in ganz Ägypten systematisch brutal angegriffen und oft in Brand gesetzt. Die Täter waren Mitglieder bzw. Sympathisanten der Muslimbruderschaft, welche über die Absetzung Mursis erzürnt waren.

Markus Meleka: Erzähle mir bitte, wie sich Ägypten nach dem Amtsantritt El-Sisys sowohl positiv als auch negativ entwickelt hat.

Tamer: Es gab positive und negative Entwicklungen. Positiv ist, dass die Anzahl der Terroranschläge in letzter Zeit abgenommen hat, trotz der letzten vier Sprengstoffanschläge auf unsere Kirchen, sowie auf den Bus, welcher auf dem Weg zum Kloster des Heiligen Samuel des Bekenners bei El-Minya durch Terroristen angegriffen wurde. Im Großen und Ganzen konnte die Anzahl der Terroranschläge reduziert werden. Früher haben wir täglich über die Verbrennung eines Stromgenerators, eines Angriff auf eine Schule oder auf Firmen reden müssen. Mit all dem wurde die Absicht verfolgt, die ägyptische Wirtschaft lahm zu legen. Ebenso auf der Sinai-Halbinsel, z. B. in El-Sheikh Zowayed, Rafah une El-Arish, nimmt die Anzahl der Terroranschläge ab. Das Militär hat überall Checkpoints eingerichtet, um das Sicherheitsniveau zu erhöhen. Der Terrorismus wird in Ägypten nun kompromisslos und so stark wie noch nie bekämpft. Soviel zum Thema Sicherheit, welche sich allmählich verbessert.

Ein weiterer positiver Aspekt war die Wiederherstellung der internationalen Beziehungen Ägyptens, welche nach dem 30. Juni 2013 problematisch waren, da man die Absetzung des faschistischen Präsidenten Mursi als „Militärputsch“ bewertet hatte. El-Sisy hat es jedoch geschafft, der Weltgemeinschaft die damalige tatsächliche Situation zu veranschaulichen und somit die Beziehungen wiederherzustellen.

Die größte negative Entwicklung betrifft die Wirtschaft, besonders nach dem Terroranschlag des IS auf das russische Flugzeug mit ca. 225 Passagieren im September 2015. Viele Investoren wurden durch diesen Anschlag verscheucht. Hart getroffen wurde dabei im besonderen Sinne die Tourismusbranche, welche eines der Grundpfeiler der ägyptischen Wirtschaft ist und dem Land wichtige Devisen einbringt, welche für den Import von Gütern benötigt werden.

Der Zusammenbruch der Tourismusbranche hat die ägyptische Wirtschaft stark getroffen. Um die Wirtschaft wieder zum Leben zu erwecken, hat die ägyptische Regierung ein ambitioniertes Reformprogramm ins Leben gerufen. Des Weiteren wird aktuell ein neues Investitionsgesetz debattiert. Es gibt bereits einige positive Signale, da viele internationale Unternehmen Interesse an Investitionen in Ägypten bekunden, wie z. B. General Electric. Was jedoch die Wirtschaft und besonders die Armen stark getroffen hat, ist die Freigabe des ägyptischen Pfunds. Die Preise sind in der Folge drastisch bei gleichbleibender Kaufkraft angestiegen. Die Regierung hat versucht, die soziale Unterstützung der Menschen zu gewährleisten z. B. in Form von Subventionen für Hauptnahrungsmittel, welche leider nicht ausreichend waren. Die einzige Lösung liegt in der Steigerung der Produktion.

Das Problem Ägyptens besteht auch in der maroden Infrastruktur (Strom-, Wasser- und Erdgasversorgung, Autobahnen). Eine starke Infrastruktur würde die Investitionen im Land vereinfachen. Das Problem der Stromversorgung wurde nun sehr gut gelöst, nachdem man Siemens unter anderem beauftragt hatte, die größte Stromerzeugungsanlage der Welt nahe El Ain El Sukhna zu bauen. Ägypten beginnt nun sogar Strom zu exportieren. Ägypten hat in den letzten 3 Jahren hart an der Verbesserung der Infrastruktur gearbeitet um Investitionen anzuziehen, welches sich sehr positiv in der Zukunft auswirken wird. Dies wird dazu führen, dass Ägypten mehr produziert und mehr Menschen beschäftigt werden. Ich glaube nicht mehr, dass wir aus wirtschaftlicher Sicht etwas noch schlimmeres als unsere aktuelle Lage erleben werden, dies war die schlechteste wirtschaftliche Periode in Ägypten (Zusammenbruch der Tourismusbranche sowie die Freigabe der Währung).

Des Weiteren stellt die Korruption sowie die Bürokratie eine große Herausforderung dar. Diese sorgen für schwere Rückschläge. Der öffentliche Sektor ist mit unnötigen und unproduktiven Angestellten aufgeblasen, welche anstatt die Wirtschaft zu fördern, das System korrumpieren und Abläufe komplizierter gestalten. Dies bedeutet jedoch nicht, dass der Staat die Korruption nicht bekämpft, im Gegenteil. Die Verwaltungskontrolle hat beispiellose Befugnisse erhalten um die Korruption stärker bekämpfen zu können. Diese hat ranghohe Angestellte, welche bei der Entgegennahme von Schmiergeldern ertappt wurden, entlassen und Ermittlungen gegen sie eingeleitet.

Markus Meleka: Kannst du uns bitte über die soziale, politische und religiöse Lage, sowie über das Zusammenleben von Christen, Atheisten und Muslimen in Ägypten berichten?

Tamer: Das ist eine sehr wichtige Frage. Im Allgemeinen kann man sagen, dass die Ägypter friedlich zusammenleben. Es herrscht Frieden zwischen Christen, Atheisten und Muslimen. Das ist wohl das Geheimnis der Stärke Ägyptens. Der Hauptgrund des Versagens des IS, in Ägypten Fuß zu fassen, ist der soziale Zusammenhalt der Ägypter, Christen und Muslime. Der IS hat versucht, einen Keil zwischen beiden Glaubensgemeinschaften zu schlagen, indem man die Christen angegriffen hat. Sie hatten auf eine Reaktion der Christen spekuliert, dass sie mit Gewalt auf die Gewalt antworten, damit die Muslime sich in ihrem Stolz verletzt fühlen, weil sie von den Christen angegriffen werden und es zu einem tödlichen Kampf beider Konfessionen kommt. Jedoch hat die friedliche Natur der Christen Ägyptens (Kopten) diesen konfessionellen Kampf verhindert und damit den Plan des IS scheitern lassen. Die Christen in Ägypten unterscheiden sich von allen anderen Christen des Orients. Im Gegensatz zu Syrien und dem Irak, in denen die Christen in bestimmten Regionen leben, leben die Christen in Ägypten in der gesamten Republik verteilt. In einem Wohngebäude leben sowohl Christen als auch Muslime.

Markus Meleka: Welches sind deine Hoffnungen als junger Mann für die Zukunft Ägyptens?

Tamer: Man kann nicht verleugnen, dass das Gefühl der Unzufriedenheit der Jugendlichen in Ägypten wächst. Nichts gefällt ihnen. Sie haben das Gefühl, dass alles was geschehen ist, geringer als ihre Ambitionen ist, besonders nachdem sie sich während der Revolution des 25. Januar erhoben hatten. Sie dachten, dass die Welt für sie dann rosig werden würde und es Wohlstand und demokratische Verhältnisse gäbe. Dies ist nicht geschehen. Viele haben daher Zweifel und sind rebellisch, jedoch nicht alle. Es gibt viele Jugendliche, welche lustlos sind und sich weigern, am politischen Leben in Ägypten zu beteiligen. Viele haben bei den letzten Parlamentswahlen nicht gewählt, weil sie das Gefühl hatten, dass ihre Meinung in Ägypten unwichtig sowie unbedeutend wäre. Was die Jugend in Ägypten betrifft, welche mehr als 40% der Gesamtbevölkerung ausmacht, kann man zusammenfassend sagen, dass sie rebellisch und  unzufrieden mit der aktuellen Situation in Ägypten ist. Mittelfristig betrachtet jedoch, wird es eine sehr gute Zukunft werden, besonders nach dem Eintritt der erwarteten positiven Auswirkungen zur Folge der letzten wirtschaftlichen Reformen und der nationalen Megaprojekte. Ägypten baut zurzeit beispielsweise eine neue administrative Hauptstadt, in welcher alle staatlichen Institutionen und Behörden verlagert werden. Diese soll später ca. 6,5 Millionen Einwohner haben.

Markus Meleka: Was unternimmt Ägypten aktuell um den Tourismus zu verbessern?

Tamer: Ägypten hat das Sicherheitsniveau aller Flughäfen stark verbessert und hat damit positiv auf die Empfehlungen der russischen Sicherheitsexperten reagiert. Du hast sicherlich die strengen Sicherheitsvorkehrungen in den Flughäfen bemerkt. Die Tourismusbranche in Ägypten wird je nach Sicherheitslage positiv oder negativ beeinflusst. Je mehr die ägyptische Regierung eine hohe Sicherheit in den Flughäfen gewährt und die terroristischen Anschläge minimieren kann, desto mehr wird sich der Tourismus erholen. Tatsächlich ist in letzter Zeit die Anzahl der Touristen in Ägypten signifikant angestiegen.

Markus Meleka: Welche Botschaft möchtest du als junger, ägyptischer Bürger der Westlichen Welt mitteilen?

Tamer: Als ägyptischer, christlicher Bürger wünsche ich mir von der Westlichen Welt, dass sie Ägypten wirtschaftlich unterstützt, in Ägypten investiert. Ägypten verfügt über einen riesigen und vielversprechenden Markt, welcher über eine enorme Anzahl an günstigen Arbeitskräften verfügt. Sie können hier investieren und werden mit Sicherheit erfolgreich werden. Wir haben den höchsten Konsum in ganz Afrika. Des Weiteren ist die geografische Lage des Landes sehr strategisch und attraktiv. Investoren können in der Tourismusbranche investieren oder auch Fabriken errichten, um die produzierten Waren beispielsweise in ganz Afrika, im Nahen Osten oder nach Europa zu exportieren. Ich wünsche mir ebenso, dass die Menschen Ägypten besuchen, welches generell betrachtet sehr sicher ist, um die religiösen Sehenswürdigkeiten wie z. B. Kirchen und Klöster zu besichtigen, welche zu den ältesten der Welt zählen. Ich ermutige die Menschen, Ägypten zu besuchen. Als ägyptischer, christlicher Bürger bin ich nicht besorgt und habe keine Angst. Ich habe viele ausländische Freunde, welche mir gesagt haben, dass sie sich in Ägypten sicherer fühlten als in ihren Heimatländern. Daher ermutige ich die Menschen, Ägypten und seine historischen Sehenswürdigkeiten zu besuchen.

Markus Meleka: Was kannst du uns über den religiösen Fanatismus gegen die Christen in Ägypten erzählen?

Tamer: Der Fanatismus gegen die Kopten in Ägypten geht eher von der Bevölkerung als vom Staat aus. Das ägyptische Parlament hat kürzlich ein einheitliches Gesetz zum Bau von Gebetshäusern verabschiedet. Das ist positiv. Auf der Ebene der Bevölkerung jedoch, wenn man die Kommentare von Muslimen betrachtet, liest man z. B. Kommentare wie „Der Staat verteidigt die Christen“, „die Christen kontrollieren die ägyptische Wirtschaft“, „der Staat bekämpft den Islam“ etc. Ohne Zweifel fühlen wir Christen in Ägypten den Fanatismus in der Gesellschaft. Ich pflege zwar gute soziale Beziehungen mit meinen Kolleginnen und Kollegen, aber wenn ich beispielsweise aus die Kirche gehe und man dadurch weiß, dass ich Christ bin, kann mich jemand aus dem Wagen beleidigen und schnell wegfahren. Solche Dinge geschehen. Es kann auch sein, dass bei Behörden angefragte Dokumente verzögert fertiggestellt werden. Der Staat kann nicht die Ideologie seiner Beamten kontrollieren. Das ist leider oft der Fall, dass ein Beamter fanatisch gegenüber Christen ist. Sehr negative Beispiele zum Thema religiöser Fanatismus gegen Christen geschehen häufig in den ländlichen Regionen Ägyptens, in Oberägypten. Wenn sich beispielsweise eine Gruppe von Christen im Wohnraum eines Christen versammelt um zu beten, weil es in der Nähe keine Kirche gibt, geschieht dies, ohne die religiösen Gefühle der Muslime zu provozieren und in völlig ruhiger Privatsphäre. Wenn die Muslime von diesen Versammlungen erfahren, wird dieses Haus vom ganzen Dorf angegriffen. Dabei werden viele Christen verletzt und häufig auch getötet. Ich erinnere mich ebenso an Frau Soud Sabet, eine alte Dame, welche im Mai 2016 in einem Dorf entblößt und in den Straßen vorgeführt wurde. Die Reaktion der Regierung auf derartige Ereignisse ist immer sehr negativ. Anstatt den Angreifer zu verhaften und die Rechtsstaatlichkeit zu stärken, werden die christlichen Opfer gezwungen, sich in einer Sitzung mit den muslimischen Tätern zu versöhnen. Die Hauptsache ist dabei, dass dieses Ereignis nicht an die Öffentlichkeit gelangt. Ich verstehe nicht, von welcher Versöhnung man spricht, wenn die koptische Seite immer das Opfer ist. Sie zwingen die Christen zur Versöhnung und zum Verzicht auf ihre Rechte. Das Opfer wird als Täter behandelt. Diese Ereignisse kommen besonders in Oberägypten sehr häufig vor. Es ist eine Unverschämtheit, dass die Regierung solch informelle „Versöhnungssitzungen“ erlaubt! Wir benötigen mehr Rechtsstaatlichkeit!

Bezüglich der Bürgerrechte und Freiheiten für Atheisten und Christen, erinnere ich mich sehr gut, dass As-Sisy einmal folgendes gesagt hat: „Ihr habt die Freiheit an Gott zu glauben oder nicht, tut dies jedoch privat, ohne den nationalen Interessen zu schaden“. Dies ist eine sehr tolerante und gelassene Ansicht des Präsidenten, aber traurigerweise kann ich nicht sagen, dass die öffentliche Meinung damit übereinstimmt, welches zeigt, dass das Bildungssystem fundamental modernisiert und entwickelt werden muss. As-Sisy hat mit Sicherheit sehr gelassene und tolerante Ansichten, welches man beispielsweise durch seinen Besuch der Weihnachtsmesse in der Kathedrale in Kairo, sowie der Bekanntmachung des neuen Gesetzes zum Bau von Gebetshäusern bemerken konnte.

Markus Meleka: Vielen Dank für dieses interessante Gespräch, Tamer.

Tamer: Sehr gerne Markus.

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Markus Meleka, dessen Wurzeln in Ägypten liegen, ist Vorstandsmitglied des Zentralrates Orientalischer Christen in Deutschland e.V.. Als aktives Mitglied setzt sich der sprachlich bewanderte Deutsch-Kopte für eine effiziente Berichterstattung aus dem arabischen-sprachigen Raum, im Speziellen für Ägypten, ein.