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Pohlheim schreibt Geschichte

Pohlheim schreibt Geschichte

Autor: Berthold Gees
Ort: Deutschland, Sankt Augustin
Kategorie: Artikel
Rubrik: Politik
Datum: 22.12.2017
Portal: www.zocd.de
Textdauer: ca.4 Minuten
Sprache: Deutsch

Pohlheim schreibt Geschichte

Am 2.11.2017 schrieben die Stadtverordneten des 19 Tsd.-Seelen-Städtchens Pohlheim im Landkreis Giessen (Hessen) Geschichte. Die Stadtverordneten von CDU und SPD votierten einstimmig für die Errichtung eines Denkmals zum Genozid an Armeniern und anderen christlich religiösen Minderheiten im Osten des Osmanischen Reiches. Vor allem in den Jahren 1915/1916 waren dort geschätzt bis zu 1,5 Mio. Menschen deportiert und zu Tode gebracht worden. Das Denkmal soll auf öffentlichem Grund der Stadt Pohlheim errichtet werden und an diese Verbrechen erinnern.

Bereits in der zweiten Hälfte der 60er Jahre hatten sich erste syrisch-orthodoxe Christen aus der Türkei in Pohlheim angesiedelt. Im Landkreis Giessen leben derzeit mehr als 1000 aramäische, assyrische und chaldäische sowie pontos-griechische Familien, die zu den Nachfahren der damaligen Betroffenen zählen, die meisten davon in Pohlheim. Die Stadt hat augenblicklich einen Anteil von deutlich mehr als 20% Bewohnern mit Migrationshintergrund. Viele dieser Bewohner stimmen darin überein, dass der damalige Völkermord noch immer nicht ausreichend aufgearbeitet wurde. Mit dem Denkmal möchte man der Toten gedenken und zugleich mahnen, dass solche Ereignisse sich niemals und nirgends auf der Welt wiederholen dürfen.

In den 60er Jahren standen bei vielen Migranten wirtschaftliche Aufbauaktivitäten im Vordergrund. Es ging darum, Brot und Arbeit zu finden und eine neue wirtschaftliche Existenz zu sichern. Die schrecklichen Ereignisse von 1915/16 schienen unter diesen Bedingungen zunächst in den Hintergrund zu geraten. Inzwischen ist aber deutlich geworden, dass man solche Ereignisse nicht einfach vergessen kann obwohl sie mehr als 100 Jahre zurückliegen. Der Völkermord ist noch immer in vielen Familien präsent. Er ist ein Gesprächsthema und Anlass für kollektive Trauer und Erinnerungskultur. Deshalb ergriffen Nachfahren der Betroffenen von 2015/16 die Initiative zur Planung und Realisierung eines Denkmals auf öffentlichem Grund der Stadt Pohlheim.

Nachdem nunmehr der öffentliche Beschluss zur Errichtung eines Denkmals von der Stadtverordnetenversammlung gefasst wurde, machten sich die Initiatoren daran, das Vorhaben zu realisieren.
Arbeiten und Kosten zur Errichtung des Denkmals sollen (mindestens teilweise) von den religiösen orientalischen Gemeinschaften getragen werden. 2018 wird ein Beirat gegründet, welcher wichtige Koordinierungsaufgaben übernimmt. Dieser Beirat soll aus ca. 10-12 Personen bestehen, die den Parteien und religiösen Gruppen angehören. Grundstück und Denkmalsplanungen werden dann bis auf Weiteres von diesem Beirat verwaltet. Nach derzeitigem Planungsstand ist die Einweihung des Denkmals für den 1.6.2018 vorgesehen.

Die überwiegenden Reaktionen auf die Initiative waren positiv. Öffentliche Unterstützungsschreiben vieler Organisationen gingen bei den Organisatoren ein. Die Medien zeigten ein starkes deutschlandweites Interesse.
Aber es gab auch Kritik. Der türkische Generalkonsul in Deutschland, Burak Kararti , schrieb einen geharnischten Protestbrief. Die türkische Gemeinde in Frankfurt kritisierte den Beschluss und betonte, dass die geschichtlichen Ereignisse verdreht würden, dass eine Aufarbeitung durch eine Historikerkommission notwendig sei.

Bürgermeister und Stadtverordnete stehen jedoch fest zu ihrer Entscheidung und haben sich jede Einmischung in ihre kommunalen Beschlusslage verbeten.
Die in Pohlheim ansässigen Nachfahren der vom Völkermord Betroffenen sind mit der Entscheidung ihrer Stadtverordneten überglücklich. Als der Beschluss zur Errichtung des Denkmals in der Volkshalle Watzenborn-Steinberg gefasst worden war, erhoben sich mehr als 200 Besucher mit entsprechendem Migrationshintergrund und jubelten. Viele hielten Schilder mit dem einfachen Wort „Danke“ in die Höhe.

Dr. Berthold Gees,
Sankt Augustin

Dr. Berthold Gees ist leitendes Mitglied in der Redaktion des Zentralrates Orientalischer Christen in Deutschland (ZOCD) und Mitglied im Beirat.